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Die Wahrheit siegt, aber sie kann nur siegen, wenn sie gesagt wird. (Johann Hus 1369-1415)

Religion - überkommenes Kulturgut

Im Gästebuch von www.religionen.at findet sich eine Verbindung von Religion und überkommenem Kulturgut. Man wirft hier unreflektiert mit tragenden Begriffen um sich, ohne die volle Tiefe und Bedeutung zu erfassen. Es ist unbestritten, dass Religion und Kultur sehr eng miteinander verflochten sind. Die Frage was was hervorbringt oder prägt scheint nur oberflächlich eine Frage nach dem Huhn und dem Ei zu sein. Die ständige Suche nach absoluten Werten (was Religion in ihrer ureigensten Form sein sollte) ist immer die treibende Kraft und daher der Träger jeder Kultur. Jede Kultur stellt dabei einen mehr oder weniger großen Schatz von bereits gefundenen absoluten Werten bereit.

Wenn von europäischer Leitkultur gesprochen wird, wird angenommen, dass die europäische Kultur mehr solche absoluten Werte besitzt als jede andere Kultur. Die Kulturgeschichte dokumentiert dabei die einzelnen Reifungsschritte und Verirrungen, die sich auch im Mikrokosmos jedes einzelnen irgendwo widerspiegeln. Der größte Teil der Übung besteht für jeden einzelnen sicher darin, all die bereits erworbenen absoluten Werte einer Kultur zu verwalten d.h. für sich selber zu entdecken und dann auch an andere weiter zu geben.

Es ist nur einer relativ kleinen Elite vorbehalten, diesen Schatz zu vermehren und so wollen wir hier beim „Verwalten“ bleiben. Freilich wird nicht das gesamte Kulturgut von allen mitgetragen, aber Stimmen über einen „Kultur-Neustart“ wie jüngst in diePresse klingen dennoch, als ob man das Rad neu erfinden wollte. Man braucht keine göttliche Offenbarung, um zu erkennen dass "die einzige Bildung, die aus sich selber wächst die ‚Nichtbildung‘ ist". Von nichts kann nur nichts kommen und somit ist das der beste Beweis dafür, dass es etwas gibt, das wir mit Gott umschreiben. Es scheint wohl so zu sein, dass jene, einige Lektionen in der Geschichte des Lebens verschlafen haben, und glauben, sie müssten nun eine persönliche Nachhilfestunde bekommen. Da man diese aber nur sehr selten erhält, wird Gott als solcher nicht erkannt. Selbst wenn Jesus 100-mal auf Golgatha gekreuzigt worden wäre, würde es dem nichts nützen, der nicht daran glaubt. Genauso wenig nützt demjenigen seine ganze eigene Kulturgeschichte, wenn er unliebsame Teile davon leugnet. Ein gutes Geschichtsbewusstsein ist die Wurzel für sozialen Frieden und Freiheit des Einzelnen. Wer weiß woher er kommt, weiß auch wohin er geht. Unsere mangelnde Solidarität mit unseren Kindern und deren zukünftigen Problemen ist nur ein von vielen Teilen unseres gestörten Geschichts- und Kulturverständnisses. Eine Zivilisation, deren Hauptproblem nur die eigene sexuelle Ausrichtung ist, kennt weder die Vergangenheit, noch stellt sie sich einer verantwortungsvollen Zukunft. Religion ist nur dort erleb- und erfahrbar, wo zum bestehenden Kulturgut neues wächst oder entsteht. Alt Hergebrachtes wie Kopftuch oder andere kulturelle Bräuche kann man daher nur hinter sich lassen indem man darüber hinauswächst und nicht indem man diese beiseiteschiebt. Wer in Gott hinein wachsen möchte, muss immer wieder altes ablegen, reifen und weiter gehen, er kann aber nie an dem Bestehenden „vorbeigehen“, das Bestehende ablehnen oder gar leugnen.

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Eine ausgeglichene Kultur kann nur auf zwei Pfeilern ruhen:
Auf dem Glauben an Gott und der Einigkeit unter den Menschen.
Maulana Muhammad Ali (1874 -13.Okt. 1951)

Gesellschafliche/religiöse Normen und Tabus

Wir sind nicht nur materiell in einem begrenzten Raum gefangen, sondern auch geistig. Jeder spürt irgendwann einmal die Enge, sei es in der Sturm-und-Drang-Phase seiner Jugend oder im großen politischen Stil wie etwa im jetzigen arabischen Frühling. Moral und Gewalt erwischen den nach Weite (oder Tiefe) Suchenden dabei gänzlich auf dem falschen Fuß. Es ist auch nicht damit getan, irgendwelchen Strömungen ein Ventil zu geben, sondern die dahinterliegende Suche nach Gott zu erkennen und mit den Hungernden und Durstenden das Göttliche zu teilen. Rückblickend in die Geschichte der Menschheit gibt es dabei kaum etwas was nicht schon einmal abgeschritten wurde und woran sich ein Suchender nicht orientieren könnte. Es sind nette Gedankenspielereien sich vorzustellen, wie alles geworden wäre, wenn der Verlauf der Geschichte nicht diesen, sondern eben einen anderen Weg genommen hätte. Der Vergleich mit einer menschlichen Beziehung ist dabei sehr naheliegend, in der man gemeinsame Wege geht bis man an eine Grenze stößt. Häufig wird versucht, diese Grenze mit sexueller Freizügigkeit zu verschieben und glaubt, heute durch die Fortschritte in der Medizin und der Hygiene weiter gehen zu können als frühere Generationen. Abgesehen davon, dass etwa nicht alle medizinischen Methoden unumstritten sind und einige Krankheiten derweilen noch unheilbar sind, kommt man hier aber auch im rein Geistigen oft durch schwere seelische Verletzungen, Enttäuschungen und Eifersucht an Unzumutbares und nicht mehr Überwindbares, wie die vielen zerbrochenen Beziehungen zeigen. Intimität und Vertrautheit lässt sich eben nicht zu Schleuderpreisen in der Gosse verhandeln. Intimes und Vertrautes braucht mehr als nur einen körperlichen Kontakt, es braucht ein Verstehen, ein Mitdenken und ein Mitfühlen. Verstanden wird aber immer nur das, was man selber schon erlebt hat und daher sind Erfahrungen anderer zwar schön, jeder muss aber trotzdem immer seine eigenen machen (das ist auch der Grund, warum es trotz aller bereits schon geführter Kriegen und damit erworbener Erfahrungen immer wieder neue Kriege geben wird).

Bei den Gedankenspielen, wie die Geschichte verlaufen wäre wenn …, möchten wir uns dem Mittelalter mit der späteren Aufklärung widmen und dem Verhältnis des Christentums zur Reinkarnation. Das Christentum kann ohne die Reinkarnation vieles nicht erklären. Etwa, dass trotz des alle Menschen liebenden Gottes der Tod so unerbittlich ist und alle entweder in den Himmel oder in die Hölle kommen. Da das aber nicht so sein kann und die Ungleichheiten und ungleichen Bedingungen des Leben irgendwo aufgefangen werden müssen, gibt es dazu ein Fegefeuer. Völlig verloren geht dabei aber das Erlösungswerk Christi, von dem auch viele Christen nicht wissen, worin dieses eigentlich besteht. Dass wir jedes Leben neu d.h. ohne Erinnerung an ein voriges Leben beginnen, befreit uns von einer großen Last und ermöglicht es uns, uns besser als sonst auf die jetzige Aufgabe zu konzentrieren. Das Christentum geht dadurch mit dem Materiellen weit „rationeller“ um, als andere Religionen. Aus dieser Entseelung oder „Entgeistigung“ des Gegenständlichen erwächst nicht nur Atheismus, sondern auch ein Ungleichgewicht, das etwa den Nährboden für Esoterik bildet. Die Welt wäre heute sicher eine andere, wenn das Christentum einen anderen Zugang zur Reinkarnation gefunden hätte. Der gleiche Bruch mit dem Gegenständlichen findet sich auch beim Übergang vom Mittelalter zur Aufklärung. Die Vernunft oder der Verstand dient der Aufhellung unserer kurzfristigen und unmittelbaren Wahrnehmung. Dies kann aber keine Berechtigung sein für die Dominanz, die die Vernunft seit der Aufklärung hat. Wie wäre die Welt heute, wenn der Verstand sich in der Aufklärung nicht mit sich selber beschäftigt hätte, sondern mit all den Phänomenen, die man im Mittelalter für das Gemeinwohl als schädlich hinstellte, mit einem Tabu belegte und außerhalb der Religion ansiedelte wie Zauberei und Beschwörungen. Bei jeder Tür die aufgemacht wird kommt man in neue weite Räume von Dualismus, wo das Gute und das Böse sehr eng beieinander liegen. Es braucht viele Jahre der Entwicklung, bis sich die Nebel eines neuen Raumes wieder lichten. So gesehen ist die Aufklärung vielleicht eine von vielen Türen gewesen, die in der Geschichte notwendig waren, um eine Tür in einen Raum zu öffnen, wo man früher wegen zu viel Misstrauen gegenüber Gott und gegen den Mitmenschen schon mal gescheitert ist.

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Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein,
oder er wird nicht mehr sein.
Karl Rahner (5.März 1904 - 30.März 1984)

Nachtrag: Am 17.Dez. 2011 gab es auf diePresse eine Literaturbesprechung "Religiös bis zur Raserei". Jetzigen Artikel wollen wir daher noch einmal verkürzt mit den dort gefunden Worten so wieder geben. Religiöse Menschen auf der ganzen Welt stimmen überein, dass etwas schiefgegangen ist. Für uns wurde im Mittelalter falsch d.h. in die Aufklärung abgebogen. Der richtige Weg hätte in eine andere Richtung geführt.

Good old Europe 2012

Gerade in der jetzigen Zeit, in der die europäische Kultur sich mit vielen anderen Kulturen und Religionen konfrontiert sieht und europäische Werte in ihrem Kern bedroht zu sein scheinen, stellt sich mehr denn je die Frage, was an der europäischen Kultur als Überlebens- und Erhaltenswert gilt. Wofür lohnt es sich zu kämpfen, um es für die Nachwelt zu erhalten, und was kann und soll von anderen Kulturen übernommen werden, ohne dabei europäische Errungenschaften zu verraten. Am 12.April 2012 hat Egon Kapellari im Rahmen der 4.Seggauer Gespräche das europäische Selbstverständnis umschrieben: „Europa ist im Lauf der bisherigen Kirchengeschichte am längsten und fundamentalsten vom Christentum geprägt worden und seine christlichen Wurzeln tragen und nähren auch heute trotz aller Säkularisierung millionenfach.“ Solche Worte von hoher österreichischer kirchlicher Autorität klingen in einer Zeit großer europäischer Kirchen- und Religionsflucht eher wie Durchhalteparolen des im Untergang befindlichen Dritten Reiches bzw. hier Europas, als irgendwie real begründet zu sein. In der Tat muss man hinter Statistiken und abstrakten Zahlen von Kirchenaustritten und Konfessionszugehörigkeiten blicken, um christliche Wertvorstellungen mit ihren gelebten Wurzeln qualifizieren und quantifizieren zu können.

Man muss die geistige Entfremdung von einem Teil der Menschen verstehen, die zu Recht feststellen, dass der sonntägliche Gottesdienstbesuch und die sieben Sakramente doch nicht alles sein können, was Gott zu bieten hat. Die Beziehung zur Mutter Kirche scheint dabei wie die zu Eltern zu sein, in der die Kinder erwachsen werden oder sind und es den Eltern nicht gelingt, die Beziehung den veränderten Gegebenheiten anzupassen. Die Rollenverteilung, die bei Kindern noch funktioniert hat, scheint so nicht mehr zu entsprechen. Nicht nur der Gebenden und Empfangende, Schenkende und Beschenkte, sondern auch der Duldende, Leidende und Ertragende wechselt plötzlich. Das was in der Kinderstube das Weite, Offene, Allumfassende und Ganzheitliche war, ist nun eng, starr und fremd geworden. Wahrscheinlich hatte auch der Hl. Apostel Paulus einen Teil dieser Konflikte auszutragen mit Jüngern, die am letzten Abendmahl waren, weil diese glaubten, pro multis erlöst zu sein und Paulus davon ausgeschlossen wäre. Wahrheit ist, dass Paulus, der nicht direkt mit Jesus in Kontakt stand, mehr für diesen getan hat als alle anderen zusammengenommen und bei dem pro multis auch nicht alle Anwesenden des letzten Abendmahls inkludiert sind oder waren. Dies ändert auch nichts daran, dass Paulus vielleicht derjenige war, der Jesus gegenüber die größte Schuld abzutragen hatte.

Alleine wie man beim Apostel Paulus sieht, ist es mit der Mutter Kirche und den „säkularisierten“ Kindern nicht so, dass man das Christentum weder an Quantität noch an der Qualität nach ihrer äußeren Form beurteilen kann. Andererseits sind nicht alle, die sich von der Mutter Kirche entfernt haben, Heilige Apostel im Sinne von Paulus. Die Kirche bleibt aber gerade diesen erwachsenen Kindern sehr vieles schuldig und die Menschen müssten in verantwortungsvoller Weise in die Freiheit, die Jesus für alle erkauft hat, herangeführt werden. Eltern können ihren Kindern auch nicht nur Geld und Wohnungsschlüssel in die Hand geben und dann ihrem Schicksal überlassen. Der Lernprozess mit heranwachsenden Kindern ist für Eltern oft schmerzlich aber dennoch wichtig und notwendig – lernen und wachsen doch beide dabei. Die Sorgen in diesem Prozess betreffen nicht den Prozess als solches, sondern vielmehr das Niveau auf dem dieser Prozess ausgetragen wird. Hier ist der Gradmesser wie tief die christlichen Wurzeln sind, und diese stehen in schlechter werdenden Zeiten ernsthaft auf dem Prüfstand.

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Die Menschen können nicht frei werden,
ohne zur Freiheit erzogen zu sein.
Henry Thomas Buckle (24.Nov. 1821 - 29.Mai 1862)

Meine Schafe

Meine SchafeEs gab und gibt immer wieder Probleme beim Spenden der heiligen Sakramente. Sei es die Kommunion für Geschiedene oder sonst diesem Sakrament unwürdige, kirchliche Begräbnisse, Hochzeitfeiern oder leider auch Taufen. Gerade bei letzteren ist uns in der Diözese Vorarlberg ein Fall bekannt, der das Wesen all dieser Probleme unverblümt offen legt. Es geht dabei um eine Kindertaufe, die zu spenden einem älteren Mitbruder im Priesteramt in einer bestimmten Pfarre nicht erlaubt wird. Beim Spenden der Eucharistie, dem Heiligsten des Christentums, ist es noch am einsichtigsten, dass für den Zelebrant oft die Würde dieses Sakramentes nicht garantiert ist. Nach dem Konzil gibt es aber doch sehr viele Freiheiten, die es jedem ermöglichen würden, den entsprechenden Rahmen auch in kritischen Situationen zu finden (unser Beitrat Das Allerheiligste kann warten). Freilich bleibt eine Verärgerung, die dadurch entsteht, dass dem eigentlich hohen Rahmen eines solchen Ereignisses nicht entsprochen werden kann/konnte, zurück. Diese Verärgerung sollte aber nicht durch eine Totalverweigerung des entsprechenden Sakramentes, sondern durch geistige/geistliche Arbeit an der Causa Prima begegnet werden. Letztlich ist es ein Mangel an Verständnis, Aufklärung und Liebe, die man den Brüdern und Schwestern oder gar einem selber schuldig geblieben ist. Sakramente sind Werkzeuge, die wie alle Werkzeuge in guter und schlechter Absicht eingesetzt werden können. Sakramente sind vor allem keine Zaubermittel oder Zaubersprüche, die nach Harry Potter Manier mit strikten Riten oder Zauberformeln wie ein Kampfmittel zu verwendet sind und die jemand als Fähigkeit oder als Macht besitzen kann. Nicht nur bei oben erwähnter Taufe geht es um einen lokalen Warlord, der versucht seine „eigenen“ Schafe in mittelalterlicher Leibeigenschaft zu halten, sondern auch beim Gründer der Piusbrüder dem Erzbischof Marcel Lefebvre (29.Nov. 1905 – 25. März 1991). Unverhohlen hat dieser bei einem Gespräch (siehe entsprechenden Artikel von 12.Juni 2012) auch die Katze aus dem Sack gelassen. Niemand weidet seine eigenen Schafe und Jesus hat das Lösegeld für jeden bezahlt, damit niemand niemandes Sklave sei. Ihr sollt einander dienen, so wie ich euch gedient habe und der Größte unter euch soll der Diener aller sein.

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Alle Empfindungen, die wir beherrschen, sind rechtmäßig.
Alle, die uns beherrschen, sind verbrecherisch.
Jean-Jacques Rousseau (28.Juni 1712 - 2.Juli 1778)